SILKE LENZ

Freigeist Emilie Winkelmann

Emilie Winkelmann (1875-1951) war die erste freiberufliche Architektin Deutschlands.
1902 gelang es ihr, obwohl Frauen zu dieser Zeit in Preußen keinen Zugang zu Hochschulen hatten, ausnahmsweise eine Zulassung zur TH Hannover zu bekommen.
Anschließend eröffnete sie als erste selbstständige Architektin Deutschlands ihr eigenes Büro. 1907 errang sie den 1. Preis in einem Architekturwettbewerb für ein Theatergebäude mit Festsaal in der Berliner Blumenstraße. Von 1910 bis 1912 führte sie zahlreiche Projekte auf ländlichen Herrensitzen in der Provinz Pommern aus, unter anderem in Wieck bei Gützkow wurde sie von der Familie von Lepel mit dem Umbau ihres Herrenhauses beauftragt, wofür ihr nach Fertigstellung 1912 in der Zeitschrift Bauwelt Anerkennung gezollt wurde.
Zwischen 1910 und 1912 erfolgte ein Umbau und Innenausbau des Herrenhauses durch die Architektin Emilie Winkelmann. In der Mitte der Parkseite befindet sich ein dreiachsiger Mittelrisalit mit einem Dreiecksgiebel. Davor sind ein von Säulen getragener altarartiger Vorbau und eine Freitreppe erhalten, die Emilie Winkelmann zugeschrieben werden.
Rückblickend lobt eine Fachzeitschrift: „Mit großem Takt ging sie auf die Wünsche des Bauherrn ein und verstand dieselben dann doch in ihrem Sinne zu modifizieren, sodass sich letztlich ihr Stil durchsetzt.“

Die neu gestaltete Freitreppe am Schloss Wieck – dem heutigen Schlossgymnasium Gützkow – ist Ausgangspunkt für die Spurensuche im Workshop. Mit diesem konkreten baulichen Werk Emilie Winkelmanns soll sich ein Bogen von regionalen zu überregionalen Bezügen zur Epoche und dem Zeitgeist spannen. Der zeitgeschichtliche Kontext bietet ein breites Spektrum gesellschaftlicher, musikalischer und ästhetischer Recherche und deren Adaption.

Was bedeutete es, sich Anfang des 20. Jh. als Frau in der Branche der Architektur durchzusetzen und einen eigenen Stil zu kreieren? Performativ wird die Symbolik und die Wirkung der Freitreppe auf das Individuum, auf den Körper untersucht. Welche innere und äußere Haltung stellt sich her? Wie wirkt Architektur im Dialog mit dem Menschen und was sagt dies über die Haltung und die Künstlerin Emilie Winkelmann aus? Das Finale der biografisch-architektonischen Recherche zeigt eine Performance direkt auf der Freitreppe und in dem weitläufig denkmalgeschützten Landschaftspark.